Dr. Anja Ehlers ist Diplom-Pädagogin und lehrt im Studiengebiet Interaktion und Kommunikation. Ihre Erfahrungen aus der Kinder- und Jugendhilfe sowie aus der Sozialplanung prägen ihren Blick auf Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung sowie an Schnittstellen zwischen Verwaltung, Bildung und sozialen Unterstützungsstrukturen. Gemeinsam mit dem Team im Studiengebiet entwickelt sie praxisnahe Lehrformate, die Studierende und Lehrgangsteilnehmende neben fachlichem Wissen auch in Gesprächsführung, Zusammenarbeit und Konfliktfähigkeit stärken. Seit 2014 engagiert sie sich zudem in der psychosozialen Beratung an der HöV/ZVS und unterstützt gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen Studierende und Lehrgangsteilnehmende in herausfordernden Phasen. Im Rahmen unserer Reihe „Inside HöV/ZVS“ sprechen wir mit ihr über Lehre, Beratung und die Anforderungen an eine moderne Verwaltung.
„Wie sind Sie zur Lehre an der HöV/ZVS gekommen und welche Stationen haben Ihre Sicht auf Interaktion und Kommunikation besonders geprägt?"
Ich komme aus der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe. Zunächst habe ich in der Jugendförderung gearbeitet, mit dem Schwerpunkt auf der Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe später war ich in der Sozialplanung tätig, mit Schwerpunkten in Jugendhilfeplanung. Dabei habe ich viele Schnittstellen kennengelernt: Bürgerinnen und Bürger, Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung, Bildungsinstitutionen und kommunalpolitische Gremien. In dieser Arbeit wurde mir klar: Gute Planung und verlässliche Strukturen tragen nur, wenn die Kommunikation stimmt. Das zeigt sich besonders in Konfliktgesprächen und in der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, in denen die gegenseitigen Erwartungen erst übersetzt werden müssen. Diese Erfahrungen prägen meine Lehre bis heute, mit dem Ziel, durch gute Kommunikation Zusammenarbeit zu stärken und Verwaltung auch in komplexen Situationen handlungsfähig zu halten. Und ich halte das heute für noch wichtiger als früher: Wenn Menschen Entscheidungen nicht nachvollziehen können oder sich nicht ernst genommen fühlen, wächst schnell Distanz bis hin zu Politik- und Demokratieverdrossenheit. Verwaltung kann das nicht allein „lösen“, aber sie kann einen spürbaren Beitrag leisten: durch transparente, verständliche und respektvolle Kommunikation, die Orientierung gibt und Vertrauen stärkt.
„Welche fachlichen Schwerpunkte setzen Sie in „Interaktion und Kommunikation“ und warum sind diese heute in der öffentlichen Verwaltung besonders wichtig?"
Wir legen die Inhalte im Studiengebiet gemeinsam fest. Inhaltlich geht es vor allem um Modelle und Handwerkszeuge, die im Arbeitsalltag wirklich helfen. Ein Schwerpunkt ist Grundlagen mündlicher und schriftlicher Kommunikation, die sich beispielsweise in verständlicher Behördensprache zeigt. Hinzu kommen Gesprächsführungstechniken: Gespräche strukturieren, Anliegen klären und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig bleiben. Weiter behandeln wir Themen wie Motivation und Führung, interkulturelle Kompetenz sowie Moderationstechniken. Das ist heute besonders wichtig, weil Verwaltung vielerorts unter hohem Zeitdruck arbeitet, Themen komplexer werden und Erwartungen an Transparenz und Nachvollziehbarkeit steigen. Gute Kommunikation hilft, Missverständnisse zu vermeiden, Entscheidungen verständlich zu erklären und Zusammenarbeit über Schnittstellen hinweg zu ermöglichen. Das stärkt Qualität, Effizienz und Vertrauen.
„Welche Entwicklungen in der Verwaltungspraxis beobachten Sie, die einen neuen Blick auf Kommunikation und Interaktion erfordern?"
Ich beobachte vor allem eine spürbar gestiegene Belastung auf Seiten der Mitarbeitenden ebenso wie auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger. Mitarbeitende arbeiten häufig unter hohem Zeit- und Erwartungsdruck und sind mit ständigen Veränderungen konfrontiert. Gleichzeitig kommen Bürgerinnen und Bürger nicht selten in angespannten Situationen, mit Sorgen, Ärger oder Unsicherheit.
Gerade unter Stress wird Kommunikation schneller missverständlich: Tonlagen kippen, Informationen gehen verloren und die eigentliche Sache gerät in den Hintergrund. Deshalb braucht es klare Strukturen in Gesprächen, verständliche Erklärungen, transparente nächste Schritte und eine Haltung, die auch in schwierigen Momenten Respekt zeigt.
Hinzu kommt die Digitalisierung. Sie kann Prozesse beschleunigen und vereinfachen, verändert aber auch Erwartungen an Erreichbarkeit, Tempo und Nachvollziehbarkeit. Künstliche Intelligenz (KI) wird diesen Wandel perspektivisch verstärken. Umso wichtiger bleibt der menschliche Teil: In komplexen Fällen und belastenden Lebenslagen sind Orientierung, Vertrauen und gute Zusammenarbeit nicht automatisierbar. Moderne Verwaltung braucht daher beides, wirksame digitale Unterstützung und zugleich starke Kompetenzen in verständlicher Sprache, Gesprächsführung und Kooperation, um gute menschliche Begegnung zu ermöglichen
„Wie verbinden Sie Theorie und Praxis in Ihren Lehrveranstaltungen, gern mit einem konkreten Beispiel aus jüngster Zeit?"
Uns ist die Verbindung von Theorie und Praxis sehr wichtig, auch wenn wir häufig mit größeren Gruppen arbeiten. Deshalb setzen wir, wo es organisatorisch möglich ist, auf Formate, in denen Teilnehmende Methoden nicht nur kennenlernen, sondern aktiv üben und reflektieren können.
Bewährte Beispiele sind Übungen zur Gesprächsführung, zu Präsentationstechniken sowie zur Moderation. In Rollenspielen trainieren Studierende und Lehrgangsteilnehmende typische Gesprächssituationen aus dem Verwaltungsalltag: Gespräche strukturieren, verständlich erklären, aktiv zuhören, deeskalierend reagieren und am Ende klare nächste Schritte vereinbaren. Moderationstechniken üben wir ebenso praktisch, zum Beispiel indem Teilnehmende eine Moderation zu einem konkreten Thema konzipieren und anschließend durchführen.
Ein neues Beispiel ist ein Chatbot für verständliches Schreiben. Dabei spielt die kritische Nutzung von KI auch eine Rolle: Formulierungen vergleichen, Textvarianten prüfen, Qualität einschätzen. Rückmeldungen aus der Lehre nutzen wir, um den Chatbot gezielt an den Stellen zu verbessern, an denen er noch nicht zuverlässig genug arbeitet. So verbinden wir praktische Übung mit Reflexion, Medienkompetenz und Verantwortungsbewusstsein.
„Sie sind neben der Lehre auch in der psychosozialen Beratung an der HöV/ZVS tätig, mit welchen Anliegen kommen Studierende und Lehrgangsteilnehmende am häufigsten zu Ihnen und welche Ansätze haben sich in Ihrer Beratung bewährt?"
Zu mir kommen am häufigsten Studierende und Lehrgangsteilnehmende mit Themen wie Stress, Ängsten und Selbstzweifeln, oft verbunden mit dem Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden. Auffällig ist, dass es oft sehr engagierte, leistungsstarke Personen sind, die es besonders gut machen wollen und den Druck sehr stark spüren. Studium und Ausbildung sind anspruchsvoll.
In der psychosozialen Beratung arbeite ich dabei im Team mit meinen Kolleginnen und Kollegen Christoph Fournier, Thomas Helfrich, Dr. Anja Jesse und Dr. Martina Ludwig zusammen. Wir arbeiten mit unterschiedlichen Ansätzen. Ich selbst verfolge einen systemischen, wertschätzenden und ressourcenorientierten Ansatz. Gemeinsam mit der Person, die ich begleite, schauen wir gemeinsam darauf, was die Belastung im konkreten Kontext auslöst und aufrechterhält, und welche Fähigkeiten, Erfahrungen und Unterstützungsquellen bereits vorhanden sind. Oft hilft es, Gedanken zu sortieren, Prioritäten zu klären, realistische nächste Schritte zu vereinbaren und wieder mehr Selbstwirksamkeit zu spüren. Ziele sind immer Stabilisierung, Entlastung und Orientierung. Wenn das gelingt, wirkt sich das häufig auch positiv auf Studium, Ausbildung und die weitere Entwicklung aus.
„Wenn Sie an die kommenden Jahre denken: Welche Entwicklungen oder Veränderungen möchten Sie an der HöV/ZVS im Bereich Lehre und Beratung mitgestalten und wie kann Ihre Arbeit dazu beitragen?"
Wenn ich an die kommenden Jahre denke, sehe ich vor allem zwei Entwicklungen, die Lehre und Arbeitswelt im öffentlichen Dienst spürbar verändern werden:
Zunächst einmal die fortschreitende Digitalisierung und perspektivisch noch stärker der Einsatz von KI. KI wird nicht nur einzelne Werkzeuge ergänzen, sondern Arbeitsprozesse und Entscheidungsfindung verändern. Für die Lehre bedeutet das aus meiner Sicht: KI kompetent und verantwortungsvoll nutzen, Ergebnisse auf Verständlichkeit und Qualität prüfen, Aussagen verifizieren und Grenzen realistisch einordnen. Dafür braucht es neben methodischer Kompetenz auch ein solides fachliches und rechtliches Fundament.
Ein weiterer Faktor wird dabei ein Growth Mindset sein: die Haltung, dass man Neues lernen kann, dass Fehler Lernchancen sind und dass Entwicklung aktiv gestaltbar ist. In meiner Arbeit kann ich dazu beitragen, indem wir in der Lehre sichere Übungsräume schaffen und indem Beratung dabei unterstützt, mit Druck, Unsicherheit und Veränderung konstruktiv umzugehen.
